Das Drama der Demenz

Wenn die Intelligenz geht- und das Vergessen kommt… Mein Großvater war ein stolzer Mann. Intelligent. Und stolz darauf. Es war ihm nie wichtig, was die Leute von ihm dachten. Aber es war ihm wichtig, eine Meinung zu haben. Eine eigene! Und er hat mit ihr nie hinter dem Berg gehalten. Was oft schwierig war und mitunter ernste Situationen mit sich brachte. Schon allein, weil wir DDR- Kinder waren. Und andererseits dann, wenn seine Kritik, oft harsch und unnachgiebig vorgetragen, einen selbst betraf. Oftmals war das alles andere als einfach. Im Gegenzug kann ich mich nicht, an auch nur ein einziges Mal erinnern, in dem er mir Hilfe versagt hätte. Sein riesiges Allgemeinwissen rettete viele meiner Hausaufgaben. Und der häufigste Vorwurf meiner Mutter: „Du wirst wie dein Großvater (väterlicherseits).“ War kein Vorwurf, sondern kam, für mich, immer mehr einem Kompliment gleich. Opa konnte und wusste auch nicht alles. Aber vieles! Sein Lieblingsspruch: <em>“Dumm darf man sein. Aber zu helfen muss man sich wissen!“ </em>Das hat mich immer schwer beeindruckt. Nicht der Ausspruch, sondern sein immenses Wissen. Und ja, mit diesem Wissensstand wollte ich nur zu gerne konkurrieren! Heute bin ich erwachsen. Er ist ein alter Mann. Jenseits der 80. Und der Blick auf ihn ist deutlich weniger von Eindruck und Staunen geprägt. Entsetzten und ein gewisses Mass an Trauer sind jetzt die Gefühle, die mich beherrschen, wenn ich ihn sehe. Mitleid. Er weiß immer noch viel. Vergisst aber, das man ihn vor 2 Minuten schon gegrüßt hat. Vergisst, wohin er gerade was gelegt hat.Vergisst den Weg nach Hause. Vergisst, das man regelmäßig auf die Toilette gehen muss. Eine furchtbare Situation. Für alle Beteiligten. Ein so hoch entwickelter, intelligenter Mensch verwandelt sich binnen weniger Monate zurück, in ein mürrisches, unzufriedenes und oft unfreundliches Kind. Doch manchmal… manchmal, wenn er von alten Zeiten erzählt, dann ist er wieder da. Die Intelligenz steht in seinen Augen. Zusammen mit den Tränen. Tränen der Wut und der Trauer, in den Momenten in denen er den Verfall erkennen kann. Solange bis er wieder vergisst…

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